Der Überflieger
Mittwoch, 13. November 2024
Hoch über den Wolken, Hinflug von Auckland nach Hongkong
Es war ein ruhiger Nachtflug von Auckland nach Hongkong. Die meisten Fluggäste des Air-New-Zealand-Flugs mit der Flugnummer NZ0081 schliefen tief und fest in der abgedunkelten Passagierkabine oder dösten friedlich vor sich hin. Die Lautsprecheranlage der Boeing 787-9-Dreamliner knisterte und rauschte einen kurzen Moment, die Fluggäste waren sofort aufmerksam: »Guten Morgen meine Damen und Herren!«, meldete sich eine angenehm tiefe Männerstimme und kündigte damit einen neuen Tag an. »Mein Name ist Carlos González Jones. Ich bin Ihr Flugkapitän auf dem heutigen Flug von Auckland nach Hongkong. Ich möchte Ihnen gern ein paar kurze Informationen geben: Wir befinden uns zurzeit einhundertvierzig Kilometer nordwestlich von Hongkong. Wir werden dort pünktlich um sieben Uhr dreißig Ortszeit landen. Heute gibt es in Hongkong einen Mix aus Sonne und Wolken. Nachmittags ziehen leichte Schauer auf. Die Temperatur beträgt aktuell neunzehn Grad Celsius und steigt im Laufe des Tages auf vierundzwanzig Grad Celsius an. Vielen Dank!«
Die Lautsprecheranlage knisterte und rauschte erneut für einen kurzen Moment, dann kehrte wieder Stille in der Passagierkabine ein.
Jack Wilson, ein neunundzwanzigjähriger baumlanger Rotschopf mit Sommersprossen im Gesicht, bernsteinfarbenen Augen und einem gepflegten ingwerroten Drei-Tage-Bart saß mit einem glückseligen Lächeln in seinem Co-Piloten-Sitz. Als Senior First Officer oblag es ihm, die Flugführung und die Flugzeugsysteme der Boeing 787-9-Dreamliner mit seinen zweihundertneunzig Fluggästen an Bord zu überwachen. Jack strich sich zufrieden über seine Bartstoppeln. Der schönste Arbeitstag seiner Karriere lag fast hinter ihm. Jack konnte sein Glück noch immer nicht fassen, sein Traum wurde wahr. Er flog zum ersten Mal überhaupt für Air New Zealand Langstrecke. Jack war ein sogenannter Kurzstreckenpilot, der fast jeden Abend zu Hause schlief. Er hatte die Kurzstreckenfliegerei gehörig satt und träumte davon, auf Firmenkosten die Welt zu bereisen. Gestern war es endlich soweit und seine Gebete wurden erhört. Er erhielt einen unerwarteten Anruf vom Personalbüro. Die Schichtleitung stellte seine Flexibilität auf die Probe und bot ihm an, spontan für einen an Magen-Darm-Grippe erkrankten Kollegen aus der Langstrecke einzuspringen. Jack ergriff seine Chance und willigte ein, für den erkrankten Kollegen einzuspringen. Und so kam es, dass er einige Stunden später im Cockpit saß und sich seines Lebens freute. Trotz des langen Flugs, der hinter ihm lag, war er überhaupt nicht müde. Jack war aufgeregt wie ein Schuljunge. Er brannte darauf, nach dem Einchecken im Hotel Hongkong unsicher zu machen.
Jacks Glückssträhne riss nicht ab. Er wurde nicht irgendeinem beliebigen Flugkapitän zugeteilt, sondern Carlos González Jones höchstpersönlich. Carlos, der eine Doppelstaatsbürgerschaft besaß, war nicht nur Markenbotschafter von Air New Zealand, sondern auch der berühmteste Verkehrspilot Neuseelands. Jack war überglücklich, dass er Flugkapitän González als seine rechte Hand zugeteilt worden war. Er bewunderte Carlos für seinen kometenhaften Aufstieg bei Air New Zealand. Sein Ruf war legendär. Mit seinen achtundzwanzig Jahren war Carlos der mit Abstand jüngste Flugkapitän bei Air New Zealand. Seine Lebensgeschichte war voller Geheimnisse und Jack brannte darauf, sie zu entschlüsseln. Der neuseeländische Fernsehsender Television New Zealand hatte kürzlich Carlos’ bewegtes Leben in einer aufwendigen Filmbiografie verfilmt. Sein jüngeres Ich wurde von den berühmten Kinderschauspielern Antonio Martínez Suárez und Alberto Noriega Gómez gespielt.
Jack begann sich zu erinnern: Carlos war ein Kind der Liebe zwischen zwei grundverschiedenen Kulturen. Er war in Medellín zweisprachig mit Spanisch und Englisch aufgewachsen. Das Fliegen lag Carlos nicht nur in den Genen, sondern auch im Blut. Carlos stammt väterlicherseits aus einer traditionsreichen kolumbianischen Fliegerfamilie. Er war der älteste Sohn eines ehrgeizigen Viersternegenerals bei der kolumbianischen Luftwaffe. Seine Mutter, Kimberley Jones, war eine hochgelobte australische Schauspielerin und zweifache Oscar-Preisträgerin. Carlos hatte im knabenhaften Alter von vierzehn Jahren mit der Fliegerei begonnen. Seine Liebe zum Fliegen erwachte jedoch schon im zarten Alter von fünf Jahren, bei einem Besuch auf dem Medellíner Luftwaffenstützpunkt seines Vaters, General Miguel González Hernández. Diese wunderschöne Kindheitserinnerung hatte sich wohl fest in Carlos Gedächtnis eingebrannt.
Bekannt war, dass der kleine Carlos völlig fasziniert – mit großen Augen und offenem Mund – im Flugzeughangar dagestanden und das wuchtig und majestätisch anmutende Transportflugzeug des Typs Lockheed C-130-Hercules bestaunt hatte. Als er sich auf den Pilotensitz des legendären Transportflugzeugs setzen durfte, war es sofort um ihn geschehen. Der damals fünfjährige Carlos beschloss kurzerhand, seinem Vater nachzueifern. Von diesem Tag an träumte der Junge davon, später einmal eine Karriere als Pilot einzuschlagen. Und genau so kam es dann auch. Seine professionelle Pilotenausbildung begann Carlos mit achtzehn Jahren. Mit einundzwanzig Jahren erlangte er seine Verkehrspilotenlizenz und startete seine Karriere als erster Offizier bei der neuseeländischen Fluggesellschaft Air New Zealand. Carlos war letztes Jahr in aller Munde, als ihn Air New Zealand nach nur sechs Jahren Dienstzeit im Alter von siebenundzwanzig Jahren zum Flugkapitän beförderte. Der mittlerweile achtundzwanzigjährige Carlos hielt den Rekord als jüngster Flugkapitän in der Geschichte der neuseeländischen zivilen Luftfahrt.
Jack schielte möglichst unauffällig zu Carlos hinüber. Carlos war ein äußerst attraktiver kolumbianischer Australier mit einem warmen olivfarbenen Hautton und grünbraunen Augen. Er trug seine mittellangen, kastanienbraunen Haare nach hinten gekämmt, im angesagten Sleek-Look. Carlos war mit markanten Gesichtszügen gesegnet. Besonders sein breiter Kiefer und sein ausgeprägtes Kinn stachen hervor und verliehen seinem Gesicht Männlichkeit und Stärke. Ein gepflegter kastanienbrauner Drei-Tage-Bart schmückte sein Gesicht. Carlos war tannenschlank und hochgewachsen. Dem Zweimetermann stand seine Pilotenuniform ausgezeichnet, sie saß wie angegossen. Seine Uniformjacke zierten vier Streifen und gaben ihn als Flugkapitän zu erkennen. Eine prestigeträchtige Pilotenmütze mit Lackschirm und hochglanzpolierte schwarze Lederschuhe komplettierten sein Pilotenoutfit. Jack war es schleierhaft, warum Carlos als Sohn der überaus erfolgreichen Schauspielerin Kimberley Jones nicht eine Karriere als Schauspieler eingeschlagen hatte. Mit seinem blendenden Aussehen hätte er das Zeug für Hollywood.
Carlos klopfte Jack kumpelhaft auf die Schulter und riss ihn abrupt aus seinen Tagträumen: »Erde an Jack, bitte kommen!«
»Tut mir leid, ich war völlig in Gedanken«, stammelte Jack.
»Das war nicht zu übersehen«, sagte Carlos grinsend. »Wo waren wir stehen geblieben?«, fragte er nachdenklich.
»Du sagtest, du seist verlobt!«, gab Jack zurück.
Carlos kniff die Augen zusammen und schien sich wieder zu entsinnen: »Ach ja, genau! Jetzt erinnere ich mich wieder!«
Carlos kratzte sich gedankenverloren am Kopf. Er überlegte einen Moment, dann begann er zu erzählen: »Meine Verlobte heißt Paloma Rodríguez Sánchez. Sie kommt aus Kolumbien, lebt aber jetzt in Neuseeland. Paloma ist einundzwanzig Jahre alt.«
»Oh, wie interessant!«, bemerkte Jack.
Carlos grinste selbstzufrieden.
»Habe ich schon erwähnt, dass Paloma eine echte kolumbianische Schönheit ist?«, verkündete er mit hörbarem Stolz.
Jacks Augen funkelten vor Begeisterung. Er klebte förmlich an Carlos’ Lippen, als dieser von seinem aufregenden Leben erzählte.
»Nein, hast du nicht, dein Leben ist so spannend! Bitte fahre fort, zu erzählen. Ich brenne darauf, mehr über deine Verlobte Paloma zu erfahren.«
Carlos zeigte sich geschmeichelt. Er war ziemlich egozentrisch und süchtig nach Aufmerksamkeit. Als selbstverliebter Mensch genoss er es, im Rampenlicht zu stehen.
Er räusperte sich und fuhr bereitwillig fort, zu erzählen: »Wir wohnen noch nicht zusammen. Paloma lebt in Oneroa auf Waiheke Island und ich lebe in Wellington. Paloma studiert an der Auckland University of Technology Ökolandbau und Vermarktung. Ihr fünftes von insgesamt sechs Semestern beginnt nach diesen Sommer-Semesterferien.«
Jack nickte respektvoll. Er äußerte sich sehr wohlwollend über Paloma: »Wie schön, der Appetit auf Bioprodukte wird immer größer. Da hat Paloma eine ausgezeichnete Wahl getroffen.«
Carlos’ Stimmung schlug plötzlich um. Er seufzte und verzog missbilligend den Mund: »Mir wäre es lieber, wenn sie einem anderen Steckenpferd frönen würde.«
»Ich verstehe nur Bahnhof!«, sagte Jack und runzelte verständnislos die Stirn. »Macht Paloma ihr Studium aus irgendeinem Grund keinen Spaß mehr?«, fragte er begriffsstutzig nach.
Carlos hob oberlehrerhaft den Finger und meinte: »Ist es nicht offensichtlich? Wir werden in Kürze heiraten!«, beantwortete er seine eigene Frage.
Carlos verschränkte in einer Geste von Überlegenheit die Hände hinter dem Kopf: »Ich kann mit meinem Pilotengehalt sehr gut für Paloma sorgen! Ich möchte nicht, dass meine Verlobte studiert oder arbeiten geht.«
»Ach so!«, gab Jack zurück. »Das kann ich gut verstehen, Carlos. Ich halte es auch so, meine Ehefrau Jessica ist Hausfrau und zweifache Mutter!«, fügte er hinzu.
Ende der Leseprobe… Da scheinen sich ja zwei Machos gesucht und gefunden zu haben, oder? Wenn sich da mal nicht eine Männerfreundschaft zwischen Carlos und Jack anbahnt…
Der nächste Teil der Leseprobe führt uns in den Hamburger Yachthafen. Hier begleiten wir den vierzigjährigen Witwer Ben Richter und seinen liebenswerten sechsjährigen Sohn Tim, die die Segel setzen und Kurs auf das Korallenatoll Pukapuka nehmen. Nach dem Verlust seiner Ehefrau sehnt sich der Kinderchirurg Ben nach einem Neuanfang als Inselarzt an diesem zauberhaften Ort.
Tauche in eine Welt voller Geheimnisse und Spannung ein, die dich nicht mehr loslassen wird. Klicke hier, um weiterzulesen!


Kommentar verfassen